Die Stärke, die keine ist

Die Stärke, die keine ist

Über Grenzen, Emanzipation – und was ich langsam verstehe

Viele von uns Frauen haben gelernt, stark zu sein.
Nicht weil wir wollten –
sondern weil es keinen anderen Weg gab.
Wir organisieren, tragen, halten durch.
Wir erklären, entschuldigen, machen alles irgendwie möglich.
Aber tief in uns gibt es oft einen Wunsch, den wir kaum aussprechen:

„Ich möchte nicht immer stark sein müssen.“

Ich habe erlebt, wie schnell man in diese Rolle rutscht:
Die, die immer funktioniert.
Die, die nichts braucht.
Die, die sich selbst zur zweiten Wahl macht – vielleicht sogar unbewusst.

Und dann kommt ein Moment, in dem man sich fragt:
Was ist eigentlich meine Grenze?
Wann fängt meine Würde an?
Und wann höre ich auf, mich ständig hintenanzustellen?

Ich glaube, viele Männer verstehen gar nicht,
dass wir nicht ihre Stärke brauchen –
sondern ihre Präsenz.
Ihr Mitgehen.
Ihre Entscheidung.

Wir Frauen müssen lernen, uns selbst ernst zu nehmen.
Nicht laut. Nicht wütend.
Sondern klar.

Zu sagen:

„Ich möchte gesehen werden.“
„Ich bin nicht schwach, aber ich bin auch nicht selbstverständlich.“
„Ich trage viel – aber ich will nicht alles tragen müssen.“

Stärke heißt nicht, dass ich alles kann.
Stärke heißt, dass ich weiß, wann ich nicht mehr will.
Und: dass ich es mir erlaube, das auch zu sagen.



Ich habe lange gedacht, Emanzipation heißt,
alles zu können.
Alles zu wissen.
Alles zu tragen.
Aber vielleicht haben wir Frauen manchmal einfach falsch gedacht.

Emanzipation heißt nicht, alles zu tun.
Sie heißt, Grenzen zu setzen.
Und sie heißt, nicht weniger Frau zu sein,
sondern endlich ganz Frau zu sein –
mit allem, was wir sind.

Ich bin Christin. Katholikin.
Das ist ein Teil von mir.
Aber heute habe ich begriffen, warum sich manche Frauen –
besonders starke Frauen –
manchmal zum muslimischen Glauben hingezogen fühlen.
Weil sie dort etwas finden, das wir oft verloren haben:

Die Frau darf weich sein, weil der Mann stark genug ist, sie zu halten.

Nicht über ihr. Nicht gegen sie.
Sondern mit Haltung. Mit Achtung. Mit Klarheit.

Es geht nicht um Religion.
Es geht um das, was viele sich insgeheim wünschen:
Nicht alles alleine zu stemmen.
Sondern gesehen zu werden.
Gehört. Und geschützt.

Vielleicht fühlen sich manche Frauen deshalb dort mehr gesehen –
nicht wegen Regeln, sondern wegen Rahmen.
Weil dort manchmal – dort, wo Religion nicht entstellt wurde –
eine Frau ihre Würde nicht erklären muss.



Vielleicht beginnt echte Stärke nicht mit Funktionieren –
sondern mit einem einzigen Satz:

„So nicht mehr.“

Nicht laut. Nicht trotzig.
Sondern ehrlich.
Mit einem leisen Leuchten, das aus dem Innersten kommt.

Und genau das ist der Weg, den ich gehe.
Nicht perfekt.
Aber echt.

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